Ali's Traum
„Halte dich von dem Türken fern. Haben wir uns verstanden, mein Junge?“ Die Worte meines Vaters klangen unerbittlich, voller Hass gegen Ali und alle, die anders waren als er. Was sollte ich nur tun? Ich hatte Angst vor meinem Vater und seinen unkontrollierbaren Wutanfällen, doch Ali war mein Freund.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem flauen Gefühl im Magen. Es war der dritte Tag meiner Herbstferien und passend zu meiner Stimmung regnete es in Strömen. Ich zog das gelbe Regenzeug an, schlüpfte in die Gummistiefel und verließ das Haus Richtung Obsthof. Schon von weitem sah ich Ali mit der Leiter zwischen den Apfelbäumen jonglieren. Wenn überhaupt auf jemanden das Klischee eines Türken passte, dann auf ihn: pechschwarze Haare, dichter Schnurrbart und buschige Augenbrauen. Ich hörte ihn gern von seinem Dorf in Anatolien erzählen, von der Hitze, dem Staub, von Männern auf Eseln und im Schatten dösender Ziegen.
Gegen Mittag hörte es endlich auf zu regnen. Wir setzten uns auf Kisten unter einen Baum. Ich zog meinen Fotoapparat aus dem Rucksack.
„Siehst du. Ich habe es nicht vergessen!“
„Ja, ich Foto Familie schicken“, sagte er. „Kinder klein, Mädchen ein Jahr, Jungs, drei und vier.“ Ich stellte den Apparat auf eine Kiste, drückte den Selbstauslöser und rannte zum Baum zurück. Wir grinsten wie Honigkuchenpferde, bis es klickte. Ali war zufrieden. Er drehte sich eine Zigarette und zündete sie an. Er rauchte viel zu viel. Seine Zähne waren nur noch spitze, abgebrannte Ruinen. Es waren nicht mehr viele, da die meisten schon vor einiger Zeit durch ein Gebiss ersetzt wurden.
„Du guter Junge“, sagte Ali und nahm einen tiefen Zug.
„Willst du irgendwann zurück nach Anatolien?“ fragte ich ihn.
„Ja, ich genug Geld, dann zurück in Heimat“, sagte er. „Schule viel teuer. Kinder später besser haben als Ali! Ali will Haus bauen, großes Haus, viel Platz für alle. Ali's Traum!“
Er lächelte, als würde er seine Frau und die Kinder vor sich sehen. Als ich auf die Uhr sah, erschrak ich. Es war bereits kurz nach eins, und ich hatte erst 22 volle Kisten.
Während ich mir einen Baum in der Mitte aussuchte, wählte Ali einen direkt am Graben. Eine Weile war es ruhig, mal abgesehen von Ali's monotonen Sprechgesängen. Plötzlich krachte es und im selben Augenblick folgte ein türkischer Fluch. Ich sah nur noch, wie Ali durch den Blätterwald Richtung Graben rauschte und im hohen Schilf verschwand. Ich sprang von der Leiter, stürzte die Böschung hinab und beugte mich über ihn.
"Alles in Ordnung?"
"Nix gut", nuschelte er und zwängte sich unter der Leiter hervor. Er deutete auf seinen geöffneten Mund. Mir wurde beinahe schlecht, als ich auf die Überreste seiner Zähne starrte. Er hatte tatsächlich sein Gebiss verloren.
"Wo ist es ungefähr hingefallen?"
"Ich nix wissen", kam es klagend zurück. Also krochen wir am Graben entlang, schoben Schilf und Brennnesseln beiseite und versanken mit den Stiefeln im Modder. Hin und wieder flehte Ali Allah um Hilfe an.
"Oje, viel teuer", rief er und schon war sein Kopf wieder verschwunden. Zwei Stunden später gaben wir es schließlich auf.
***
Am Abend saß ich am Küchentisch meinem Vater gegenüber.
„Na, erzähl' schon. Wie viele Kisten sind es geworden?“
„35“, sagte ich knapp.
„35? Mehr nicht?“
„Ali hat sein Gebiss verloren“, sagte ich.
„Was geht dich das Gebiss eines Türken an? Als ob du das Geld nicht nötig hättest!“ Er nippte an seinem Glas, Wodka mit Orangensaft. Seine Hände zitterten.
„Ich werde mit dem Bauern reden“, sagte er, schlug im gleichen Atemzug die Zeitung auf und tippte mit dem Finger auf ein blutiges Gesicht.
„Sieh dir das an!“ Ich tat, was er verlangte. Die Augen des Mannes waren fast zu geschwollen, überall Blut. Der Körper lag seltsam verrenkt auf dem Kopfsteinpflaster.
„Es waren Ausländer!“ sagte mein Vater. „Sie waren zu dritt!“
„Er hat doch nur sein Gebiss verloren“, protestierte ich.
„Hab` ich dir nicht gesagt, dass du dich von dem Türken fern halten sollst?“ schnauzte er mich an. Jetzt hatte ich genug! Ich rannte in mein Zimmer, presste mein Gesicht ins Kissen und heulte. Mitten in der Nacht wachte ich auf. Im Traum hatte ich die Stimme gegen meinen Vater erhoben. „Geh weg!“ hatte ich geschrieen. „Du sollst gehen, nicht Ali!“
Als ich am nächsten Morgen in den Hof kam, war Ali verschwunden. Plötzlich stand der Bauer hinter mir.
„Wo ist Ali?“ fragte ich ihn wütend.
„Ich habe ihn fort geschickt.“
„Hat mein Vater Ihnen gesagt, dass Sie Ali wegschicken sollen?“
„Er macht meine Bäume kaputt“, sagte er und deutete auf die abgebrochenen Äste. Ich ließ ihn einfach stehen und rannte nach Hause. Ich schloss mich in mein Zimmer ein und fragte mich, was ich hätte anders machen können. Hätte ich auf meinen Vater gehört, wäre Ali noch hier. Doch ich habe es nicht getan!
***
Es war ein Zufall, dass ich eines Tages beim Aufräumen Ali’s Foto wieder fand. Ich hielt es lange in den Händen, genau wie damals, als ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen hatte.
Es war kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag. Nur mit einem Rucksack bepackt stieg ich ins Flugzeug Richtung Ankara. Der Überlandbus war so überfüllt, dass ich mich irgendwann zwischen einem Sack Hühnerfutter und einer Kiste reifer Feigen wieder fand. Schweiß rann mir von der Stirn.
Als ich Ali’s Dorf erreichte, kam es mir auf sonderbare Weise vertraut vor. Die Sonne brannte vom blassblauen Himmel herab. Der Ruf aus den Minaretten hallte über das staubige Land, während eine Ziege unter einem Mandelbaum döste. Im Schatten eines Olivenbaums verkaufte ein alter Mann Honig, Mandeln und überreife Feigen. Ich zeigte ihm Ali's Foto. Der Mann deutete auf ein weißes Haus mit roten Schindeln. Ein Mädchen lief aus der Tür, einen Augenblick später rannten ihr zwei Jungs hinterher: Ali’s Kinder!
Als ich dem Haus nah genug war, erkannte ich eine Frau, die im Schatten der Veranda stand. Sie trug ein Kopftuch. Es war schwarz, wie ihr weites Kleid, das bis auf den Boden reichte.
„Merhaba“, sagte ich zögernd. Mein Türkisch war nicht besonders. „Ich bin ein Freund Ihres Mannes.“ Ich zeigte ihr das zerknitterte Foto. Sie betrachtete es, presste die Lippen zusammen, dann deutete sie auf einen der beiden Korbstühle.
„Möchten Sie einen Tee?“
„Ja, gern!“ Sie nahm die Teekanne und füllte die Gläser. Sie nannte mir ihren Namen; Meliha. Dann ging sie ins Haus und kehrte mit ein paar Fotos zurück; Ali beim Mauern, beim Dachdecken und Malen. Sie erzählte mir, dass Ali im letzten Jahr gestorben war. Ich sagte ihr, wie Leid es mir täte und dass... doch weiter kam ich nicht.
„Woher kennen Sie meinen Mann?“ unterbrach sie mich.
„Wir haben zusammen Äpfel gepflückt“, sagte ich. „Jeden Tag in den Herbstferien.“ Sie blickte an mir vorbei in die Ferne, als würde Ali im nächsten Moment irgendwo am Horizont erscheinen. Ich würde ihr gern mehr über meine Zeit mit Ali berichten, doch was sollte ich ihr sagen? Ich konnte ihr doch unmöglich erzählen, dass wir damals durchs hohe Gras gekrochen waren, um nach seinem Gebiss zu suchen. Nein, ich wollte nicht mit ihr über das Gebiss ihres Mannes reden.
„Er war ein guter Mensch“, sagte ich schließlich.
„Ja, das war er“, antwortete sie. „Und Sie sind es auch. Nur ein Freund nimmt so einen weiten Weg auf sich.“ Mir standen die Tränen in den Augen.
***
Bevor ich das Dorf verließ, ging ich zu Ali’s Grab. Es bestand aus einem einfachen Stein mit seinem Namen. Ali war tot, aber er hat sich seinen Traum erfüllt. Ich stellte unser Foto an den Grabstein, faltete die Hände zu einem kurzen Gebet und ging. Als ich den Bus Richtung Ankara bestieg, fragte ich mich plötzlich wieder, ob Ali noch am Leben wäre, wenn ich den Worten meines Vaters gefolgt wäre…